Rezension: „Der Fluch des Sultans“ von Dominic Hladek

Ein kurzes, knackiges Dungeon inklusive Dämon und Paktierer, das ist, was „Der Fluch des Sultans“, erschienen am 03. August 2011 in der Abenteuer-Anthologie „Grabräuber am Mhanadi“, bietet. Ich habe das Abenteuer in eine Reihe von Vorabenteuern für meine Hinter dem Schleier-Kampagne eingebunden und dafür in DSA5 übertragen. Entsprechend werde ich mich in dieser Rezension mit einer Bewertung der regelseitigen Umsetzung zurückhalten und vor allem die rollenspielerische Umsetzung betrachten.

Das Abenteuer kommt DSA4.1-typisch in Schwarzweiß daher, nimmt innerhalb der Anthologie 16 Seiten ein und bietet außer einer sehr ausführlichen Karte des zu erkundenden Dungeons auch einen Querschnitt des Dungeons, der sich für das Verständnis als sehr hilfreich herausgestellt hat, und mehrere Illustrationen. Die Karte finde ich gelungen und übersichtlich, die Illustrationen hingegen bleiben – wie oft in DSA4-Publikationen – hinter den Karten zurück. Der im Dungeon zu erkundende Palast hat einen gewissen Ekel- und Gruselfaktor, der bei den Bildern in meinen Augen nicht wirklich rüber kommt; gerade die Darstellung des Sultans an sich hat bei meinen Spielern mehr Belustigung ausgelöst, als Ekel oder Mitleid.

Aber worum geht es in „Der Fluch des Sultans“?

Irgendwo im mhanadischen Hinterland lebte in den Dunklen Zeiten der Sultan Barhabad ibn Jalal mit seinen drei Frauen. Sein Dorf wurde von einer Dürre heimgesucht, und der Sultan ließ sich auf einen Handel mit der Erzdämonin Charyptoroth ein: er würde sie unter dem Namen Charys als Wassergöttin verehren und in seinem Palast eine rote Wasserpflanze mit Blutopfern nähren, im Gegenzug würde sie es regnen lassen. Bei der roten Wasserpflanze handelt es sich (natürlich) nicht einfach nur um Algen, sondern um einen Ulchuchu. Der Sultan wurde in seinem Dorf für das Beenden der Dürre gefeiert und als Abu‘l Mayy (Vater des Wassers) bekannt – in der Bewunderung schwelgend und nicht ahnend, was für eine folgenschwere Entscheidung er getroffen hatte, baute er den Charys-Kult aus und rutschte immer tiefer in die Kreise der Verdammnis. Zwar wurden kritische Stimmen laut, doch diese wurden dem Ulchuchu geopfert und somit beseitigt. Das Grauen nicht mehr ertragend, schrieb eine der Sultansfrauen an die Kophtanim des Sternenkreises zu Rashdul und bat um Hilfe. Eine andere Sultansfrau bemerkte den Verrat und sorgte dafür, dass Abu‘l Mayy die Verräterin und ihre Schwester dafür hinrichten ließ; nichtsdesto weniger beendete die Kophtanim die Götzenverehrung wenige Zeit später, indem sie den Palast kurzerhand durch einen Hummusdschinn verschütten ließ. Ganz konnte er dabei allerdings nicht zerstört werden, denn eine der hingerichteten Schwestern hatte Abu‘l Mayy in ihrer Todesstunde dazu verflucht, seinen Wasserbottich nicht zu verlassen, bis er ‚wahre Liebe‘ begriff– ein Teil des Palastes musste also bestehen bleiben, solange der Fluch Bestand hat.

Jahrzehnte später wurde auf der kleinen Anhöhe, unter der der Palast begraben liegt ein neues Dorf mit Namen Tabal Mayy gegründet, und die Außenmauer des Palastes beim Brunnenbau nur knapp verfehlt. In der Nacht, in der die Helden in Tabal Mayy Rast machen, bricht die Mauer zwischen den beiden Ruine und Brunnen. Das Ulchuchu-verfluchte Wasser ergießt sich in den Brunnen des heutigen Dorfes und färbt ihn rot, was natürlich für Aufregunng sorgt. Die Helden werden gebeten, die Sache zu untersuchen und dringen deswegen in das Dungeon vor. Es kommt zu Begegnungen mit zwei Dschinnen und zu einer Geistererscheinung der Sultans-Ehefrauen. Schließlich finden die Helden den Sultan selbst und können sich entscheiden, ob sie ihn bekämpfen oder von seinem Fluch erlösen wollen. Dazwischen ist das Abenteuer gespickt mit Kämpfen gegen untote Wächter, Skelette und natürlich den überall im Palast wuchernden Ulchuchu, der nach einer Zufallstabelle jede Spielrunde angreifen könnte.

Was macht „Der Fluch des Sultans“ richtig, was macht er falsch?

In einem Dungeon-Abenteuer erwarte ich im Wesentlichen zwei Dinge: ein gut ausgestaltetes Dungeon, in dem man sich als Meister leicht orientieren kann, und eine dichte Atmosphäre – gruslig, nervenaufreibend, ekelerregend, staubig, Hauptsache ist, es fühlt sich nicht wie der Spaziergang zum nächsten Supermarkt an. Beides schafft „Der Fluch des Sultans“ mit Bravour. Die ewige Angst vor dem Ulchuchu, die ausführlichen Beschreibungen zu überwucherten Räumen, glitschigem Tang und halb verrotteten Wasserleichen, und schließlich der aufgequollene, von Dämonenmalen gezeichnete Sultan Abu‘l Mayy selbst. Ich konnte förmlich spüren, wie sich meine Spieler innerlich davor sträubten, noch tiefer in den Palast vorzudringen, gleichzeitig aber auch von Neugierde und Pflichtbewusstsein weiter nach vorne getrieben wurden – ganz große Klasse.

Zudem ist das Dungeon vollgestopft mit Interaktionsmöglichkeiten: die Dschinni Mayananda beispielsweise kann gebeten werden, das Wasser im Bottichraum des Sultans zu erhitzen, und wenn man diesen Wasserdampf dann wiederum mit Ilmenblatt versetzt, erleichtert der Drogeneinfluss die friedliche Diskussion mit dem Sultan. In einem der Räume ist ein Spiegel versteckt, den man, blank geputzt, dem Sultan vorhalten kann um ihm vor Augen zu führen, wozu er verkommen ist. Für artefakt- und geldhungrige Charaktere gibt es ausreichend Fundstücke, die von Wert sein könnten und Kämpfer können ebenfalls voll auf ihre Kosten kommen.

Was mir allerdings am Besten gefallen hat, sind die vielen oberirdischen Bezüge, die es im Dorf gibt und die an die Vergangenheit des Ortes anknüpfen: So gibt es Redewendungen, die sich auf Abu‘l Mayy beziehen und auch das traditionelle Gericht der Region steht mit den früheren Ereignissen in Verbindung. Das hat dazu geführt, dass ich, als Teile meiner Spielgruppe sich weigerten, das Dungeon zu betreten und stattdessen an der Oberfläche Nachforschungen anstellen wollten, auch diesen Spielern einiges bieten konnte. Gerade für ein 16-Seiten-Abenteuer finde ich das beachtlich.

Die einzige Sache, die in ‚Fluch des Sultans‘ wirklich flach fällt und die mir als diesbezüglich ohnehin verwöhntem DSA5-Spieler natürlich noch einmal besonders auffällt, sind – wie eingangs erwähnt – die Bilder. Das Finale beispielsweise wird von folgendem Erzähltext begleitet: „Als ihr diesen Raum betretet, bietet sich euch ein abscheuliches Bild: In einem mehrere Rechtschritt großen Bottich liegt eine fleischige, aufgedunsene Gestalt. Wie eine fette Wasserleiche liegt sie mit geschlossenen Augen, scheinbar ihr Bad genießend, in ihrer Wanne. Das Wasser ist – wie fast jeder Tropfen an diesem fürchterlichen Ort – mit rotem, fleischigem Tang überdeckt, der hier zudem noch ein wahres Eigenleben aus Tentakeln, krabbenartigen Scheren und Wurmmäulern gleich einem niederhöllischen Pandämonium entwickelt hat.“ (Grabräuber am Mhanadi, 1. Auflage 2011, PDF-Version, S. 20)

Auf Seite 21 ist ein Bild abgedruckt, das wohl diese Szene darstellen soll – es hat aber weder mit dem Text an sich, noch mit der Atmosphäre des Dungeons viel zu tun. Zu sehen ist ein dicker Mann mit Bierbauch, Schwimmhäuten und schuppenbedeckter Haut, der in entspannter Haltung in einem Becken sitzt. Mit genervtem Blick schaut er an die Decke, sein Kopf dabei teilweise von einer Art ‚Maske‘ oder ‚Mutation‘ bedeckt, die an einen Tintenfisch erinnert. In der Hand hält er ein Zepter mit Echsenkopf und auf dem Bauch hat er einen Seestern kleben. Das Wasser im Becken ist teilweise von Tang und Tangtentakeln bedeckt, die jeweils in einem Stachel enden und das Becken selbst wird von Mosaiken geziert, von denen die prägnanteste eine Schildkröte zeigt.

Mich hat das Bild beim ersten Betrachten zum Schmunzeln gebracht und auf den zweiten Blick habe ich beschlossen, es auf keinen Fall zu verwenden. Weder bringt es in meinen Augen die Atmosphäre anständig rüber – statt eines seit Jahrhunderten verfluchten, untoten Charyptoroth-Paktierer erinnert mich der abgebildete Sultan an einen alten Säufer, der sich für eine etwas ungewöhnliche Kostümparty viel Mühe gegeben hat. Auch das Schildkrötenmosaik empfinde ich als extrem unpassend, weil an früherer Stelle im Abenteuer besonderer Fokus darauf gelegt wird, dass in den Mosaiken und Skupturen eben keine efferdgefälligen Motive Verwendung finden (vgl. Grabräuber am Mhanadi, 1. Auflage 2011, PDF-Version, S. 9). Ausgerechnet hier im Finale dann eine Schildkröte abzubilden, finde ich ungünstig.

Da die Erzähltexte allerdings durchgehend eine hohe Qualität aufweisen und Bilder nebensächlich machen, ist diese Kritik tatsächlich Meckern auf hohem Niveau.

Wie fällt das Gesamturteil aus?

Für mich ist „Der Fluch des Sultans“ ein voller Erfolg. Das Abenteuer kommt kurz und knackig daher, weist keine offensichtlichen Logiklücken auf und lässt sich zudem mühelos überall dort verorten, wo kein größerer Fluss in direkter Reichweite liegt – ein tolles Kurzabenteuer für den Wegesrand. Der Mangel an brauchbaren Bildern tut dem Spielspaß keinen Abbruch.

Ich vergebe 5 von 5 Punkten.

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