Spielleitelling #01 – Materialsichtung zu ‚Hinter dem Schleier‘

Es ist nicht einmal ein Jahr her, da kam meine Lebensgefährtin ganz unerwartet auf mich zu und meinte: „Du Elli, du kannst doch DSA, würdest du für uns Spielleitern?“ Ich, zu diesem Zeitpunkt seit über 5 Jahren in gezwungener Aventurien-Abstinenz mangels Mitspieler, habe mich natürlich nicht lange schlagen lassen und hatte kurze Zeit später die Theaterritterkampagne mit 4 Spielern am Hals – im positivsten Sinne.

Mittlerweile sind die Theaterritter beendet, und damit auch die erste Kampagne, die ich als Meister von Anfang bis Ende geleitet habe. Anfang des Jahres kam meine Lebensgefährtin und einer unserer Freunde wieder auf mich zu, und es hieß wieder „Du Elli, falls du mal Zeit hast…“
Ich hatte tatsächlich ‚gerade Zeit‘, ich hatte einen Großteil der DSA4-Regeln sowieso herumliegen und ehe ich mich so recht versah, hatte ich zugesagt, die Splitterdämmerung zu leiten.

Das Projekt ist mittlerweile angelaufen und bereitet mir riesige Freude. Jetzt möchte ich die Gelegenheit nutzen, um ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern, meine Gedanken zum Spielleiten und mein Vorgehen zu teilen und darüber zu reflektieren, was ich während der ‚Theaterritter‘ alles gelernt habe – und während ‚Splitterdämmerung‘ noch lernen werde.

Schritt 1: Materialsichtung

Ich habe ehrlich gesagt, gerade im Hinblick darauf, dass ich schon seit über einem Jahrzehnt in Aventurien unterwegs bin, sehr wenig Hintergrundwissen. Ich kenne mich zwar mit den Kulturen aus und habe mich intensiv mit der Lebensrealität im Mittelreich und in Nordaventurien auseinander gesetzt. Das ein oder andere habe ich mir angelesen, das ich zum authentischen Darstellen der NSCs in Theaterritter brauchte – aber darüber hinaus haben meine Spieler mich in dem Dreivierteljahr, in dem sie sich jetzt auf Dere tummeln, mit ihrem Metaplot-Wissen längst überholt. Eins wusste ich aber trotzdem von Anfang an: ich wollte mich in den SplitterdämmerungsZyklus nicht genauso blind hineinstürzen, wie ich das bei Theaterritter getan habe. Ich wollte bei den wichtigen NSCs wissen, ob sie sterben, bevor ich meinen Spielern erlaube, sich in sie zu verlieben und ich wollte vor allem die Lösungen der Rätsel und Mythen kennen, um flexibler Hinweise streuen zu können. Außerdem wollte ich es Zukunfts-Elli leichter machen, indem ich mich mit dem Quellenmaterial schon vor Beginn der Kampagne auseinandersetzte.

Leider ist Materialsichtung in DSA immer so eine Sache.

Da ich nicht das Geld hatte, mir den gesamten Splitterdämmerungs-Zyklus spontan ins Regal zu stellen, habe ich unser aller Freund und Helfer, das Wiki Aventurica, befragt und ziemlich direkt beschlossen, mich vorerst auf den Belkelel-Splitter zu beschränken. Nicht, weil mich die anderen nicht reizen, sondern vor allem, weil er die (derographisch gesprochen) südlichste Kampagne bietet, und ich das Bornland, ewigen Schnee, Kältestufen und ostsewerische Kuhdörfer (voller haariger Gepürgskühe) so Leid war, dass mir der Meskinnes zu den Ohren heraus kam. Wie viel attraktiver erschien es mir da, sie durch aranische Großstädte zu hetzen und statt mit Kälte- dieses Mal mit Hitzestufen und Sumpffieber zu quälen… es war also beschlossene Sache. Hinter dem Schleier würde es sein, und auf gerate wohl gönnte ich mir den ersten Band Hauptabenteuer zur Kampagne, Schleiertanz, als PDF. Irgendwo muss man ja anfangen.

Aber wie fange ich an?

‚Aller Anfang ist schwer‘ gilt für mich vor allem auch beim Spielleiten. Ich wollte in dieses Projekt mit mehr Hintergrundwissen und einem besseren Überblick starten, als ich das bei Theaterritter getan hatte. Die Tatsache, dass Hinter dem Schleier jetzt schon ein paar Praiostage draußen ist, erschien mir dafür nur zuträglich – die Frage ‚Aber was mach ich jetzt als erstes?‘ blieb trotzdem da.

Beantwortet habe ich diese Frage nicht selbst. Ich habe Schleiertanz geöffnet, und das Glück war mir hold: im Anhang gibt es etwas, das ich in keinem DSA5-Abenteuer je gesehen hatte: einen Kampagnenüberblick. Einen Vorschlag der Autoren, wie man die über Aventurische Boten, Anthologien und tatsächliche Kampagnenbände verstreuten Szenarien, Kurz-ABs und Kernpartien zu einer funktionierenden Kampagne zusammenschustern kann. Ein Urteil über die Abenteuer als solche habe ich mir noch nicht gebildet, dafür ist es viel zu früh – aber allein diese Übersicht war für mich in der Vorbereitung eine Riesenerleichterung. Außerdem hat es mich die erste wichtige Lektion gelehrt:

Lies immer den Anhang zuerst.

Meine sehr motivierten Spieler hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ihre Helden beisammen geklaubt und wollten wissen, in welchem Jahr wir starten und an welchem Ort. Ich vertröstete sie auf später und öffnete ein Google Doc, in das ich die verschiedenen Abenteuer, die Handlungsorte und die Zeitabstände einpflegte, aus allen Bänden, auf die ich zu diesem Zeitpunkt Zugriff hatte.
Anschließend durchforstete ich die Weiten des Internets in dem Versuch, herauszufinden, welche der Publikationen, die ich nicht besaß, lebensnotwendig waren – und welche ich würde rauslassen können. Mein Dokument enthielt mittlerweile mehrere Namen von Abenteuern und Szenarien, die teilweise aus längst vergriffenen Boten stammten, teilweise aber auch problemlos im Onlineshop erhältlich waren. Weil meine Theaterritter-Spieler mehrfach bekundet hatten, wie schade es sei, dass wir die Vorabenteuer dazu nie gespielt hätten, beschloss ich: „Alles, was wir in die Finger kriegen, spielen wir auch.“ Ich versuchte, heraus zu finden, welche Daten innerhalb von Hinter dem Schleier fest gesetzt waren, und beschloss dementsprechend ein Enddatum für unseren Durchlauf von Schleiertanz. Von dort an blätterte ich das Abenteuer rückwärts durch und notierte mir die einzelnen Abenteuerabschnitte, die Reisen dazwischen, und die Zeitfenster derselben. Dann stopfte ich ein paar Wochen Off-Time hierhin und dorthin, damit die armen Helden auch mal Luft zum Atmen haben, und schon hatte ich ein Startdatum. Ich hatte außerdem die verschiedenen Schauplätze in meinem Dokument notiert, und konnte daher recht leicht feststellen, wo sich die anderen Szenarien – so ich ihrer denn habhaft werden könnte – würden einfügen lassen. Auch dafür addierte ich großzügig Zeit, dann setzte ich das offizielle Vorabenteuer Hochzeit wider Willen (auch wieder mit Reisezeiten, Orten und Daten) davor, und beschloss, dass das eine solide Ausgangsposition sei.

Ohne Probleme ließen sich, als die Heldengruppe stand, noch drei Kennenlern-Abenteuer im südlicheren Tulamidenland davor setzen, ebenfalls durch einfaches Rückwärtsrechnen im Kalender – als die Kampagne dann, rund zwei Monate nach der grade geschilderten Arbeit, anlief, habe ich meinen Spielern statt der errechneten Jahreszahl aus Versehen das Jahr davor genannt.

Soviel zu guter Vorarbeit. Aufgefallen ist mir das erst letzte Woche und damit zu spät, um es noch zu ändern – aber lieber zu viel Zeit, als zu wenig. Es wird sich schon noch ein viertes und fünftes Vorabenteuer finden, das in das Extrajahr passt.

Hat sich das Vorgehen also bewährt?

Eins ist sicher: ausführliche Planung sorgt nicht dafür, dass eine Kampagne ohne Schwierigkeiten läuft und viele kleinere Schwierigkeiten fallen mir immer noch erst auf, wenn ich meine einzelnen Sessions plane. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich durch das Zusammentragen der verschiedenen Publikationen und das vorsorgliche Blättern darin zumindest einen groben Überblick über die gesamte Kampagne erlangen konnte – und das war ja genau das, was mir bei Theaterritter fehlte. In sofern betrachte ich meine Vorbereitung zu Hinter dem Schleier schon als Erfolg. Andererseits bin ich mehrfach Gefahr gelaufen, mich in Details zu verrennen und musste mich mehrmals daran erinnern, dass der grobe Zeitplan, der jetzt in meinen Dokumenten schlummert, niemals final sein wird – und das auch nicht sein sollte, denn die Geschichte erzähle, bei aller Planung, nicht ich, sondern meine Helden. Und das ist auch gut so. Wenn ich mich jetzt darin verrennen würde, dass Abenteuer XY unbedingt zu einem bestimmten derischen Datum abgeschlossen sein muss, wäre das dem Spielspaß auf beiden Seiten kaum zuträglich.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich durch das oben geschilderte Vorgehen wesentlich spontaner auf etwaige Spielerwünsche oder spontane Heldenaktionen eingehen kann. Ich weiß, was in den Abenteuern nur Beiwerk ist, und was tatsächlich passieren muss um die Kampagne voranzutreiben. Bezahlt gemacht hat sich die Arbeit also – und wenn ich jetzt noch anfange, meine eigenen Notizen beim Meistern zu beachten und Jahreszahlen anständig abzulesen, dann beginnt die nächste Kampagne vielleicht sogar pünktlich.

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