Rezension: „Die Braut des Bronnjaren“ von Christian Hellinger

Ein simples, Down-to-Earth-Abenteuer, das genauso gut ein inneraventurisches Märchen sein könnte – danach klang ‚Die Braut des Bronnjaren‘ beim ersten Lesen für mich. Ich habe das Abenteuer aus der Bornland-Anthologie ‚Rittererbe‘ (erschienen 11. Februar 2009 bei Ulisses) für meine Gruppe gemeistert, um die neue Heimat eines der Charaktere etwas zu untermauern, und obwohl diese Ersteinschätzung gar nicht so falsch war, wurde ich von der Reaktion meiner Spieler eiskalt erwischt. Da ich das Abenteuer in DSA5 übertragen habe, wird es in dieser Rezension nur um die Handlung und Interaktivität gehen und nicht um die regeltechnische Umsetzung.

Das Abenteuer umfasst 17 Seiten und hat damit in etwa die Länge eines modernen Heldenwerks. DSA4-typisch kommt es in Schwarzweiß und mit sehr wenig Illustrationen daher, die ich allerdings durchweg als sehr stimmungsvoll und passend empfand: alle wirklich wichtigen NSCs haben ein Portrait bekommen, das ein klares Bild vom Charakter der Person vermittelt, und die elementarste Szene wurde mit einem wirklich ansprechenden Szenenbild versehen. Der Zeichenstil an sich spricht mich zwar nicht wirklich an, aber ich habe sie trotzdem gerne verwendet, weil sie den Ton des Abenteuers sehr gut treffen. Obwohl ein bisschen Ermittlungsarbeit zu leisten ist, gibt es leider keine Karte des Hauptschauplatzes, sondern nur ausführliche Beschreibungen. Diese sind zwar nicht gut, aber ich habe immer das Gefühl, dass Spieler gerade in offenen Situationen besser damit umgehen können, wenn man ihnen eine Karte gibt und dann erst sagt: „Okay, was wollt ihr jetzt tun?“

Aber was ist denn nun mit der ‚Braut des Bronnjaren‘?

Das Abenteuer entführt die Spieler ins kleine sewerische Dorf Jagotin, an der Grenze zum Bornwald. Außer leibeigenen Bauern, Wald, einem alten Bronnjaren ohne Erben und einer alten Hexe gibt es in diesem typisch bornischen Kaff nicht viel Interessantes – die Helden werden aber Zeugen des wohl interessantesten Ereignisses der letzten fünf Jahre: der Bronnjar des Ortes fordert die Hand einer freien Bauerstochter und kriegt diese natürlich in einer emotionalen Szene zugesagt. Die Helden verbringen wegen eines schweren Unwetters die Nacht in Jagotin und erhalten so am nächsten Morgen Kunde davon, dass die Bauerstochter verschwunden ist – weggelaufen, entführt oder verunglückt. Es gilt, das Mädchen wieder zu finden. Der Meister bekommt hierzu einige Rote Heringe an die Hand gegeben und für jeden Dörfler zumindest eine kurze Beschreibung inklusive Seelentier, sodass sich die Bauern nicht alle gleich anfühlen. Früher oder später kommen die Helden dann den Ereignissen der vergangenen Nacht auf die Schliche, decken eine alte, noch schwelende Familientragödie auf und erfahren von einer uralten jagotiner Tradition, die das Mädchen in eine anderen Position als die der ‚Braut des Bronnjaren‘ zwingt. Wie die Geschichte letztlich endet und ob ein Kompromiss gefunden wird, mit dem alle halbwegs glücklich sind, bleibt offen, sodass jede Gruppe hier vermutlich ein anderes Finale erleben wird.

Was macht das Abenteuer richtig?

Obwohl das Abenteuer vergleichsweise kurz ist, hat sich der Autor die Mühe gemacht, jeden einzelnen NSC zumindest kurz zu beschreiben und sein Seelentier zu nennen. Im ersten Moment fand ich diese Herangehensweise etwas ungewohnt (und ich glaube, sie ist mir bisher auch noch in keiner DSA5-Publikation unter gekommen), aber nach und nach musste ich mir eingestehen: gerade für die ‚Statisten‘ ist diese Art der Charakterisierung sehr angenehm. Es ist bei den meisten Personen nicht wichtig, warum sie so sind, es geht nur darum, sie in einem kurzen Augenblick authentisch und mit Wiedererkennungswert darstellen zu können – und da sagt das Verhalten eines Tieres als grobe Orientierung genug aus.

Auch ansonsten schafft das Abenteuer mit wenig Schnickschnack eine sehr authentische, dichte Atmosphäre. Das Dorf mit seinen vielen verschiedenen Bewohnern wirkt lebendig und mit seinen zig Problem gleichzeitig typisch bornisch, der Bronnjar erinnert an einen Bornbären, und über der gesamten Szenerie wacht majestätisch wie bedrohlich der Bornwald – dieses Flair ist genau das, was ich mir von einem Anthologie-Abenteuer wünsche. Dazu kommt, dass man, je nach Heldenverhalten ohne Kämpfe auskommen kann. Das ist leider nicht selbstverständlich und gerade deswegen ein Pluspunkt, weil meine Gruppe nicht immer kämpfen will. Es ist bereits häufiger vorgekommen, dass meine Spieler einen Gegner erspäht und einfach wieder umgedreht haben – diese Gefahr besteht während der Suche nach der ‚Braut des Bronnjaren‘ nicht. In meinen Augen eine angenehme Abwechslung.

Die Detektivgeschichte rund um die Entführung der Bronnjarenbraut ist sicher nicht die tiefste oder komplexeste. Trotzdem gibt es zumindest ein paar verschiedene, falsche Fährten, auf die man seine Spieler locken kann, die aber (auch aufgrund der überschaubaren Größe des Dorfes) nie in frustrierenden Sackgassen enden. So kann man seinen Spielern innerhalb des Ortes einen sehr großen Handlungsspielraum erlauben – ohne, dass es für einen unerfahrenen Meister zu komplex wird. Generell gibt es dadurch, dass das Ende des Abenteuers nicht festgelegt ist, sehr viele mögliche Wendungen. Die ‚Braut des Bronnjaren‘ ist eins dieser Abenteuer, die man dreimal mit verschiedenen Gruppen spielen könnte, und man würde dabei jedes Mal (im kleinen Rahmen) ein anderes Abenteuer erleben. Gerade auf so wenig Seiten eine tolle Leistung.

Was macht das Abenteuer falsch?

Leider ist überall da, wo Licht ist, natürlich auch der Schatten nicht weit. Meine Kritik fällt aber in diesem Fall tatsächlich recht gering aus und es handelt sich im Nachfolgenden hauptsächlich um Hinweise, die ich anderen Spielleitern mit auf den Weg geben möchte, weniger um Dinge, die ich in anderen Abenteuern gerne anders sehen würde.

Zum einen bleibt den Helden, selbst wenn der Handlungsspielraum während des Abenteuers recht groß ist, am Ende nur eine Entscheidung zwischen verschiedenen Übeln. So oder so werden Leute etwas verlieren, dass ihnen lieb und teuer ist, und das Finale wird einen bitteren Beigeschmack haben. Das kann nicht nur zu Frustration unter Spielern führen, das kann gerade bei Heldengruppen, in denen unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander prallen, auch mal die Heldengruppe sprengen. Das ist an sich nichts schlechtes, denn gerade solche Szenen sind es, die oft zu sehr gutem, bereichernden IT- wie OT-Diskussionen führen. Ich hätte mir aber einen kleinen Hinweis diesbezüglich gewünscht.

Was ist das Fazit?

Für mich war ‚Die Braut des Bronnjaren‘ eins der spaßigsten und entspanntesten Abenteuer, die ich seit langem gemeistert habe. Mit der liebevollen Ausgestaltung ist es dem Autor gelungen, selbst etwas derart dröges, wie das zweiundzwanzigste bornische Kaff, unterhaltsam zu gestalten. Beim Vorbereiten hatte ich sehr viel Spaß und auch, wenn das Abenteuer nicht unbedingt mit dem größten Metaplot aufwarten kann, ist es eines derjenigen, die mir am stärksten in Erinnerung geblieben sind – die Entscheidung am Ende war denkwürdig. Hier sollte man als Spielleiter im Hinterkopf behalten, was für Moralvorstellungen die Helden haben und ob sie an dieser Stelle überhaupt zu einer Einigung kommen können –und ansonsten sollte eventuell die Finger von der ‚Braut des Bronnjaren‘ lassen.

Mit der richtigen Gruppe allerdings, d.h. mit einer, die sich gerne mit moralischen Konflikten auseinander setzt und in der die Möglichkeit eines Kompromisses besteht: ein tolles Bornland-Abenteuer für den Abend zwischendurch.

Ich vergebe 5 von 5 Punkten.

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